Berchtesgaden

Berchtesgaden

Nach sechs Jahren geht ein großer Krieg zu Ende. Ein Landstrich, der bis dahin weitestgehend vom Kriegsgeschehen verschont geblieben war, wird nun von fremden Truppen übernommen. Bis dahin war er ein Zuhause führender Größen des Dritten Reiches. Angefangen von Adolf Hitler selbst, hatten sie sich im schönen Berchtesgadener Land eingerichtet.

Nun sind sie fort. Ihre Häuser stehen leer. Die zurückgebliebene Bevölkerung durchforstet die leeren Anwesen nach allerlei Brauchbarem und versucht gleichzeitig von den Besatzern unentdeckt zu bleiben.

So beginnt Carolin Ottos Roman „Berchtesgaden“.

Er erzählt von Sophie, die mit ihren Englischkenntnissen einen Job als Sekretärin und Übersetzerin bei den amerikanischen Truppen bekommt. Ihr Bruder Max, ein Angehöriger der SS, versteckt sich in den Bergen. Nur Sophie weiß davon.

Er erzählt von Frank Rosenbaum, einem deutschen Juden, der nun als Angehöriger des Military Governments aus den USA zurück in die einstige Heimat kommt um das Land zu entnazifizieren.

Und er erzählt von vielen weiteren echten und fiktionalen Personen, die versuchen in dieser neuen Zeit voll Ungewissheit und des Umbruchs zu überleben. Manche schuldbewusst und manche nicht. In einer Zeit, in der niemand dazugehörte und von nichts wusste und das, was man weiß, am liebsten verdrängt und vergisst.

Die Kriegberichterstatterin Meg, der schwarze GI Sam, der vom Military Government als Bürgermeister eingesetzte Kriss, Sophies Familie und viele andere nutzt Carolin Otto, um eine Zeit lebendig werden zu lassen, die gerade einmal 80 Jahre zurückliegt.

Sie erweckt die unmittelbare Nachkriegszeit vor dem Hintergrund von Obersalzberg und Legenden um den Watzmann zum Leben. Sie erzählt von Menschen, die Mitläufer und auch Täter waren. Unverbesserlichen und jenen, die nur noch vergessen und auf die Zukunft schauen wollen, weil sie froh sind, dass der Krieg endlich vorüber ist.

Zum Glück nahm ich nach ein paar Tagen die Lektüre wieder und war dann drin. Plötzlich waren die Personen greifbar. Ihre Ängste und Träume, ihr vorsichtiges Herantasten an die neuen Gegebenheiten. Was war möglich? Was sollte besser vermieden werden? Wie würde es weitergehen? Aber auch seitens der „Besatzer“ werden Schicksale erkennbar. Und alle sind nun miteinander verzahnt.

Ich habe das Buch nicht am Stück gelesen. Vielleicht lag es an meiner persönlichen Situation, in der ich viel um die Ohren hatte. Deshalb legte ich es nach den ersten Kapiteln, in denen so viele Personen unterschiedliche Dinge taten und ich nur zuschauen konnte, erst einmal zur Seite.

Unter dem Strich habe ich es nicht bereut, Berchtesgaden eine zweite Chance gegeben zu haben. Ein bisschen so wie Deutschland nach dem Krieg ebenfalls eine zweite Chance bekommen hat, anstatt nach dem Morgenthau Plan in eine vergessene Argrargesellschaft transformiert worden zu sein.

Geschichte wurde lebendig. Das mag ich sehr. Alles wirkt gut recherchiert, die handelnden Personen sind glaubwürdig. Carolin Otto wertet nicht, sie beschreibt. Eine gute Voraussetzung, dass Leser und Leserinnen sich ein eigenes Bild machen können.

Das Ende bleibt ein wenig offen. Also nicht im Sinne von etwas Fehlendem. Ich hätte gern gewußt, wie es mit den Protagonisten weitergeht. Interessanter Stoff dafür war am Schluß von Berchtesgaden definitiv vorhanden.

Naja, wer weiß?

Berchtesgaden Berchtesgaden
Otto, Carolin
Roman
Lübbe
31.01.2025
Hardcover
544
9783757700584

Ein Land zwischen Verdrängen und Erwachen - ein bildgewaltiges Gesellschaftspanorama einer symbolträchtigen Zeit
Berchtesgaden im Mai 1945. Die Lieblingsstadt des Führers kapituliert, die US-Amerikaner übernehmen die Regierung. Trotz ihres bescheidenen Englischs tritt die 19-jährige Sophie eine Stelle beim Military Government an, wo sie zum ersten Mal mit der ganzen Wahrheit über die deutschen Verbrechen konfrontiert wird. Sie trifft dort Menschen, die den Blick auf ihre eigene Familie verändern. Da ist ihr Chef, der jüdische Emigrant Frank, der mit den GIs in seine Heimat zurückkehrt, in der plötzlich alle »von nichts gewusst« haben wollen. Und seine Freundin, die glamouröse Kriegsreporterin Meg, die den Siegeszug der Alliierten mit ihrer Kamera begleitet. Der einst zum Tode verurteilte Rudolf Kriss, der nun Bürgermeister ist. Und der schwarze GI Sam, in den Sophie sich verliebt. Im Schatten des Obersalzbergs kreuzen sich ihre Wege auf schicksalhafte Weise ...
Das mitreißende Romandebüt der erfolgreichen Drehbuchautorin Carolin Otto zum 80jährigen Jubiläum des Kriegsendes