Man könnte ja Bücher darüber schreiben

Das Leben eines Buchhändlers mag dem einen oder anderen ja rel. langweilig vorkommen. Den ganzen Tag drinnen zwischen gaaaanz viel Papier. Und ab und zu kommt mal jemand zum Stöbern, der noch immer diesem antiquarischen Verhalten namens „Lesen“ nachgeht. Und wenn er dann mal ein ganz spezielles Buch haben möchte, das der Buchhändler nicht am Lager hat, dann wird er wütend. Und dann kommen Wortergüsse ohne Luft zu holen: „König Kunde“ – „Katze im Sack“ – „und überhaupt die Amerikaner…“ – „das gehört zur Wirtschaft“ – „muss doch mal reinschauen können“ – „Unding, dass das niemand da hat“ – „muss doch im Internet zu finden sein„.

Kurz zur Erklärung: es geht dabei weniger um ein Buch zum Lesen, sondern vielmehr um einen Bildband mit Fotografien weiblicher Hinterteile, die von einer Fotografin, die ansonsten im Pornogewerbe unterwegs ist, erstellt wurde.

Wieso kann man da nicht mal reinschauen?“ – „Ich muss die Bilder doch sehen können, bevor ich kaufe!

Schließlich findet der (immer noch) geduldige Buchhändler weitere Informationen zum besagten Bildband und (Hurra!) sogar ein paar Bilder aus dem Inhalt desselben. Schon geht es weiter: „Das sind ja nur ein paar!“ – „Warum wird sowas so versteckt?“ – „So kann man das doch nicht verkaufen!“ – „Das ist die Katze im Sack!“ – „Warum kriege ich das nicht?“ – „Man muss doch mal alle Bilder sehen können!“

Der (trotz der deutlich angehobenen Stimmlautstärke des Besuchers) noch immer freundliche Buchhändler antwortet wahrheitsgemäß: „Weil der Bildband leider vergriffen und nicht mehr lieferbar ist.“

Und gebraucht? So vom Flohmarkt?

„Kann ich gerne versuchen. In diesem Fall habe ich, entgegen einer regulären Bestellung beim Großhändler, aber keine Rückgabemöglichkeit und sie müssten das Buch dann abnehmen.“

Unglaublich!“ – „Was ist das für eine Wirtschaft?“ – „muss doch mal reingucken können!“ – „Katze im Sack kaufen“

Dann zieht er von dannen. Der freundliche Buchhändler hört nur noch von Ferne: „So ein inspirierendes Buch!„. Anschließend muss er (leider) den Laden durchlüften. – Ups!

BEVOR jetzt jemand meint, ich zöge über meine Kundschaft her: Ganz und gar nicht.

Die eben beschriebene Szene ist 1. tatsächlich passiert, 2. eine absolute Ausnahme und 3. an dieser Stelle wirklich nur sehr verkürzt wiedergegeben. Ich konnte zum Glück auch während des ganzen Gespräches so gut wie möglich ruhig bleiben, obwohl ich meine eigene Lautstärke zwischendurch anheben musste, um überhaupt bei dem Mann anzukommen.

Gut, die anderen Anwesenden im Laden schauten bereits zu uns herüber, aber das war mir egal. Ich will auch nicht urteilen oder gar verurteilen. Aber ich sah einen Menschen, der, wenn man ihm direkt gegenüber stand, einen vernachlässigten Eindruck machte. Und bei mir kam das nicht nur in Sachen Kleidung rüber (was jeder andere ja auch sehen konnte), sondern ich fühlte eine starke „innere Vernachlässigung“. Es ist natürlich nur eine Vermutung, aber der besondere Buchwunsch des Mannes hing sicher mit dieser Vernachlässigung zusammen. Ich sah einen Menschen, der sich nach Nähe sehnte, nach Zuneigung. Und das ging nicht spurlos an mir vorbei.

Wer jemanden hat, der ihm nahe ist und dem er nahe sein kann, darf sich sehr glücklich schätzen.

Auch wenn ich diesem Mann nun nicht helfen konnte, so merke ich doch immer wieder, was das Besondere an diesem Beruf ist: Menschen.

Menschen, mit ganz unterschiedlichem Hintergrund, mit den verschiedensten Anliegen. Mit einer Geschichte. Manchmal deutlich am Gesicht abzulesen. Manchmal an den gesprochenen Worten. Manchmal am Verhalten, am gesamten Auftreten. Oder auch mal ganz konkret in sehr persönlichen Gesprächen.

Wie schon im Titel erwähnt: man könnte Bücher darüber schreiben. – Bei den lustigen Episoden des Alltags ist das vielleicht noch ganz witzig und solche Bücher gibt es ja auch schon. Aber letztlich sind auch solche Bücher irgendwie eine Verletzung der Privatsphäre der beschriebenen Menschen. Bei den Geschichten hinter (und nicht über) den Menschen wären diese Bücher erstens dicker und zweitens oft sehr viel weniger lustig. Und was man davon schriftlich festhält und weitergibt, muss man natürlich auch gut überlegen.

Auch wenn ich eben recht offen über eine Person geschrieben habe, die bei mir im Laden war, und ich in sofern ebenfalls seine Privatsphäre ein Stück weit verletzt habe – er möge mir verzeihen – an dieser Stelle war es einfach „notwendig“.

Tatsächlich habe ich schon einmal darüber nachgedacht, ein Büchlein über meine Erlebnisse in der Buchhandlung zu schreiben. Und wenn ich so darüber nachdenke, habe ich in sehr lang zurückliegenden Posts, auch oft über Menschen geschrieben und auch mal geschimpft. Ich erinnere mich dunkel. Doch je öfter ich Geschichten hinter den Menschen erfahre, desto weniger bin ich versucht darüber direkt zu schreiben. Diese Menschen vertrauen mir ein Teil ihres Lebens an. Und deshalb will ich es auch bei mir behalten.

Was mich allerdings nicht davon befreit auch weiterhin hinter die Menschen zu schauen. Wer zu uns kommt ist wirklich nicht einfach ein „Kunde“.

Und deshalb sind wir hier, wo wir sind.

Andreas

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Andreas König

Andreas König

Selbständiger Onlinebuchhändler, Blogger, IT Dienstleister und Freelancer.

2011 habe ich, gerade 50 geworden, als Quereinsteiger eine Buchhandlung mit dem Spezialgebiet christliche Literatur gegründet. Fast jeden Monat gab es Veranstaltungen, ich schrieb Blog und knüpfte viel Kontakte mit lokalen und überregionalen Autorinnen und Autoren.

2021 habe ich das Ladengeschäft geschlossen und bin in den aktiven Ruhestand gegangen.

Da ich von meinen Interessen her, seit jeher breit aufgestellt war, war und bin ich noch immer in und für die Stadt aktiv unterwegs. 

Meine Schwerpunkte sind nun dieser Blog in Verbindung mit dem Buch38 Onlineshop, sowie zahlreiche andere Projekte und Aktivitäten verschiedenster Natur.

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