DLP Folge 8: Sie hätten es wissen müssen

Wenn aus Buchtiteln Geschichten werden. Das literarische Puzzle bei Buch38.de. Aufgabe: Es gilt eine Anzahl vorgegebener Buchtitel nahtlos in eine Kurzgeschichte zu integrieren.
Herausforderung angenommen!


Folge 8: Sie hätten es wissen müssen

“So kann es nicht weitergehen!”. Mansfeld schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. “Der Markt ist dermaßen zusammengebrochen. Noch ein paar Monate und wir sind weg vom Fenster.”

Er drehte das Display mit der linken Hand um 90 Grad herum, damit Winter die Grafik sehen konnte. Während dieser sich nach vorn beugte, um die Zahlen besser lesen zu können, rieb Mansfeld seine Rechte auf dem Oberschenkel hin und her. Sie brannte und war ganz heiß geworden.

“Das zeichnete sich schon die ganzen letzten Monate, eigentlich Jahre, ab.” Winter lehnte sich im Stuhl zurück und schob die Goldrandbrille mit dem Mittelfinger die Nase hinauf.

“Ja, ja, ja!”, Mansfeld war entnervt, “erzählen sie mir lieber was Neues. Wir können uns drehen und wenden, wie wir wollen: Wenn uns nichts Vernünftiges einfällt, dann sehe ich für die

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der Firma schwarz.”

“Wir können die Menschen nun einmal nicht dazu zwingen, mehr zu lesen. Die Medienvielfalt überrollt sie überall und letztendlich ist der Mensch bequem, wählt den einfachen Weg. Da werden Videos und Filme immer die Oberhand behalten. Das geht schnell und ist für den Konsumenten weit weniger anstrengend als ein Buch oder sogar nur ein längerer Text.”

“Die Aufmerksamkeitsspanne hat rapide nachgelassen, das ist wahr. – Und vermutlich wird sie noch mehr sinken. Es ist wie ein Sog. Selbst wenn wir

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herausbrächten, wären diese Texte ebenfalls zu lang.”

Mansfeld schaute Winter an und schüttelte den Kopf. “Sollen wir nur deswegen den kompletten Verlag aufgeben? Soweit es irgendwie in meiner Macht liegt, werde ich nicht zulassen, dass die gesamte verbliebene Buchbranche von Convinience Verlagen beherrscht wird, die mit ihren KI Produkten nur noch exakt die Bücher produzieren, die sich nachgewiesenermaßen am Besten verkaufen, weil sie exakt auf die Lesegewohnheiten und – erwartungen der Zielgruppen zugeschnitten sind. Wie eine Designerdroge, die sich perfekt in den Körper des Abhängigen einfügt und süchtig nach mehr macht. Keine Abwechslung, keine intellektuellen Herausforderungen mehr, keine unbequemen Texte, die womöglich noch zum Nach- und Selberdenken anregen könnten.”

Er war während des Sprechens in tiefsten Sarkasmus abgerutscht.

“Selbst die sind doch bereits durch die Ennis in Bedrängnis gekommen. Seit die immer ausgeklügelter und hochauflösender werden, haben auch diese Publisher gelernt

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Wie Sterben geht

“Ja, die Ennis…”, Mansfeld seufzte. “Neuronale Interfaces werden noch weiter vordringen und selbst Videos und Filmen den Rang ablaufen. So bequem. So einfach.”

“Und so manipulierbar.”, ergänzte Winter.

“Was sollen wir machen? Die Menschen bestimmen selbst, welche Medien sie benutzen. Es ist ihre eigene Entscheidung. Zuerst haben sie sich gegen Bücher entschieden, dann gegen lange Texte, jetzt gegen Bilder. Direkt ins Hirn, direkt in den Neocortex. Echte Erinnerungen. Echte Gefühle. – Schwer da zu widerstehen oder Alternativen anzubieten.”

“Schließlich wurde uns diese schöne neue Welt jahrzehntelang verkauft. Von Kindesbeinen an einstudiert und anerzogen.”

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Wenn der Rotz läuft und der Pups drückt

einfach eine passende Napp installieren und man fühlt sich wieder wohl wie eh und je. Schnell, bequem und einfach.” Winter korrigierte erneut die Position seiner Brille.

“Wir werden es nicht aufhalten.”

Sie schwiegen beide und schauten nachdenklich aus dem Fenster, an dem die Lieferdrohnen vorüberflitzten und erstaunlicherweise nicht mit einander kollidierten. Der Himmel war grau geworden in den letzten Tagen. Die Regenzeit würde bald wieder hereinbrechen und die Tage strahlenden Sonnenscheins wären dann vorüber. Am Horizont brachen dennoch ein paar Strahlen durch die Wolkendecke und brachten das blassgrüne Wasser im

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Gittersee

zum Leuchten.

Ein transparenter Briefumschlag flog in das Sichtfeld der Männer, drängelte sich zwischen sie und dem Blick in die Ferne, riss sie aus ihren Gedanken.

Es war ein Konferenzruf, der ihre Ennis aktivierte, ihre visuellen Rezeptoren überlagerte und die reale Sicht überdeckte. Fast synchron drehten die Manager ihre Oberkörper herum, um mit dem Gesicht in Richtung der weißen Bürorückwand zu schauen. Ein neutraler Hintergrund war bei Enni-Calls angenehmer für die Augen, als wenn noch weitere und damit ablenkende Eindrücke im Bild einflossen.

“Chang”, raunte Mansfeld. “Was will der denn?”

“Keine Ahnung.” Winter war genauso verwirrt wie sein gegenüber.

“Mansfeld? Winter?”. Das hagere Gesicht des Aufsichtsratsvorsitzenden erschien und seine Stimme drang direkt über das Gehirn ins Bewusstsein der Männer.

“Laoban!”, begrüßten sie zeitgleich ihren Vorgesetzten und senkten kurz die Köpfe, so wie es üblich war.

Ohne auf die Begrüßung einzugehen kam der Mann im Display sogleich zur Sache: “Ich habe sie synchron kontaktiert, damit sie beide informiert sind. Ich werde dem Planungskomitee heute Nachmittag meinen Vorschlag zur sofortigen Schließung des Verlages vorlegen. Eine Zustimmung ist gewiss. Damit sind sie raus. Ich erwarte, dass sie ihre Büros bis 19.30 Uhr geräumt und verlassen haben. Ab 0.00 Uhr werden ihre Enni-Accounts gesperrt und alle Zugangsberechtigungen entzogen. Noch Fragen?”

Eine Antwort schien er gar nicht zu erwarten. Er musterte kurz die erstaunten Gesichter seiner Untergebenen. Sein Gesicht schien sich aufzublähen, als er sich vorbeugte und der Kamera näher kam.

“Leben sie selbstbestimmt und glücklich.”

Das Bild des Vorsitzenden verblasste und verschwand. Der Jingle als Zeichen der Gesprächsbeendigung erklang und die Bürowand trat wieder in den Vordergrund.

Geschockt saßen die beiden Männer einen Moment lang bewegungslos da, bevor sie sich einander zuwandten.

“Sie haben es gehört.”, sagte Mansfeld leise und nachdenklich. “Das war’s dann wohl.” Mit einer kleinen Handbewegung ließ er das Display über dem Schreibtisch erlöschen. “Dann können wir uns demnächst wieder diversen Hobbys widmen wie

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oder ähnliches. Die neue Technik hat gewonnen.”

“Oder wir haben aufgegeben.”

“Wir haben nichts dagegen unternommen, haben uns treiben, mitreißen und manipulieren lassen. – Wir verdienen es nicht anders.”

Winter schob erneut die Brille hinauf und erhob sich. Er strich sich die Hose glatt und fuhr sich durchs Haar: “Leben sie selbstbestimmt und glücklich.”

“Leben sie selbstbestimmt und glücklich.”

Winter wandte sich ab, machte einen Bogen um den Tisch herum und verließ zielstrebig den Raum ohne sich noch einmal umzusehen. Mansfeld saß still in seinem Sessel. Sein Blick ging wieder hinaus über die Stadt. Er würde diesen Ausblick vermissen. Im Grunde genommen hatten sie es schon längst erwartet. Sie hätten es sehen können. Sie hätten es wissen müssen. Sie hätten reagieren müssen.

Aber sie hatten nichts getan.

Nichts.

Ende


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Andreas König

Blogger, Freelancer, ehem. Buchhändler. Interessiert. Selbstdenker.

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